Tonkopf

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Tonkopf - Bildkopf - Brustbild
(über Nam June Paik)

Andreas Broeckmann


Zuerst ist Paik Nam June Musiker, oder zumindest meint er, dass er ein Musiker sein will. Oder er meint, dass die Musik der Vektor ist, auf dem er in die Welt will, fort vom Geldbetrieb der Familie. Er studiert Komposition und lernt die exakte Bedienung der Musikinstrumente in Seoul, Hongkong und Tokio.

Früh entdeckt er die Musik des Maschinisten Arnold Schönberg, der die europäische Musiktradition vom Zwang zur Tonalität befreit hat. Paik, der sich diese Musiktradition eben erst zu eigen gemacht hat, ist neugierig auf ein Europa, das seine eigene musikalische Vergangenheit durch eine solch strenge System-Musik attackieren läßt. Also: auf nach Europa.

In München und Freiburg studiert er, streckt seine Fühler auch nach Darmstadt aus und nutzt die erste Gelegenheit, 1958, dort John Cage kennen zu lernen, der ihn bald darauf ganz aus der Musik herauskatapultieren wird.

Sein Professor Fortner fühlt sich, wie er schreibt, für ein Phänomen wie Paik nicht verantwortlich und schickt ihn nach Köln an's Studio für elektronische Musik, und bald ist es um den Ton-Kopf Paik geschehen. Für Cage, in einer Hommage, zerfitzelt er die Klangwelt, zerschneidet Tonbänder, und beginnt, sich mehr für die Materialien und den Eigensinn der Apparate zu interessieren, als für die Ordnung der Klänge, die sie hervorbringen.
  • (Oft interessiert ihn die Interaktion mit dem Publikum, nicht nur dessen emotionale Reaktion, auch aktive Teilnahme, wie in 'Random Access', 1963.)

Paik ist neugierig auf die mediale Übersetzung, und die Verformungen, die bei dieser Übersetzung auftreten. Kein Wunder, dass er bald auch Tonband-Material verwenden wird, um seine ersten Video-Experimente zu machen; die Bildqualität ist miserabel, aber das Material ist erschwinglich, und das Bild- und Tonrauschen hat seine eigene Ästhetik. Und diese Ästhetik der Maschinen interessiert Paik zunehmend.

Und weil er findet, dass Maschinen die bessere Kunst machen, baut er sich selbst, seinen Körper, in die Musik-Bild-Maschine ein.

Die erste radikale Geste, nachdem das Klavier umgestürzt (1959) und die Violine zerschlagen (1962) ist: Zen for Head, 1961. Paiks Kopf als Tonkopf, der die Spur des Tonkopfes zieht, nicht Tonabnehmer, sondern Tonschreiber. Er liest nicht, er schreibt. Tonkopf zum Bildkopf. Tonbandkalligraf.
  • (So schreibt er La Monte Youngs Komposition von 1960, 'Draw a straight line and follow it', fort.)

Kurze Zeit später bricht Paik mit der Musik, nie ganz, nie aus Prinzip, aber er überwindet ihren engen Rahmen, entdeckt den Fernseher, das elektronische Fernsehen, Video. Ihn fasziniert der Apparat und die Bilder, die nur der Apparat hervorbringen kann - Zen for TV, eine Linie, in der das gesamte Fernsehbild konzentriert ist, kein Bild fürs Menschenauge, ein Maschinenbild für Maschinen. Es geht ihm um eine Art von Bildern, die niemand vorher gesehen hat, das elektronische Bild, das es bis dahin noch gar nicht gibt.
  • (Die Solo-Ausstellung in der Galerie Parnass 1963 heißt 'Exposition of Music - Electronic Television'. - Inspiriert wird diese Suche vor allem von den Texten, die KO Götz über die Programmierbarkeit des Fernsehens Ende der 50er schreibt.)

Das ist die Liebe zu den Maschinen, und Maschinenliebe, Hardware Passion.

Körper und Erotik sind in dieser Beziehung mit im Spiel, Paik zieht bei der 'Sonata quasi una fantasia' 1962 nach jeder Passage ein Kleidungsstück aus, entledigt sich der Musik und ihrer überkommenen kulturellen Formen und Ornamente. Im gleichen Jahr zieht sich Alison Knowles in einer seiner Kompositionen aus, etwas später auch Charlotte Moorman, die erotische Schnittstelle zwischen Maschinenkörper und Klangaktion. - Als beschriebe er die Funktionen einer Maschine, sagt er über Moorman: 'Sie wird einfach alles machen, was Menschen machen können.' (1966)
  • (Sie lernen sich 1964 in New York kennen, wo Moorman 1961 mit Yoko Ono die Wohnung teilte. 1965 erste Performance Paik/Moorman 'Cello Sonata Nr. 1 For Adults Only'.)

Paik, Moorman und die Maschinen, eine intensive ménage à trois, eine Erweiterung der Maschinenliebe, vielleicht: Software Passion. Zusammen mit Moorman geht Paik auf die Suche nach vielfältigen Fusionen zwischen Körper und Maschine, in der beide, zusammen, Körpermaschine und Maschinenkörper, ihre Integrität behalten, ihre Härte und ihre Weichheit, in immer neuen Mischungen.

Übertragung und Berührung durch Klang, durch Klangaktion auch beim TV Bra, dessen Monitore die Brüste von Moorman verdecken und zu einem anderen Schauobjekt transformieren. Paik scheint sich für die Bilder ebenso indirekt zu interessieren wie für die Monitore, oder für das, was als Hard Soft Wetware im TV Bra steckt. Dass er alles drei, Bild, Monitor und Brust zusammenbringen will, ist offensichtlich. Die Erotik des einen kitzelt die Erotik des anderen. Für Charlotte Moorman ist der TV Bra ein Kleidungsstück, das ihr gehört; zusammen mit Paik schreibt sie: 'TV Brasserie for Living Sculpture (Charlotte Moorman) is also one sharp example to humanize electronics ... and technology. By using TV as bra ... the most intimate belonging of human being, we will demonstrate the human use of technology, and also stimulate viewers NOT for something mean but stimulate their phantasy to look for the new, imaginative and humanistic ways of using our technology.'
  • (Zuerst 1969 bei der Ausstellung 'Television as a Creative Medium', Harold Wise Gallery. - Vorläufer 1966 'Light Bikini for Opera Sextronique'.)

Moorman spielt und erweitert, Cello, Video, Klang, Kleidung, Paik. Und Paik erfindet, schreibt, stürzt, läßt sich spielen: Teil werden, mitspielen, als Menschmaschineninstrument gespielt vom Cyborg Moorman, Cellosaite sein und Klangkörper, potenzieller Klang, jenseits des Bildes, am Körper.

Tonkopf - Bildkopf - Brustbild



(Berlin/Bremen, 25.3.2006)

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