Mediennormalitaet

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Kleine östliche Mediennormalität

Inke Arns, Andreas Broeckmann


... denn nicht ein Kontinuum aus Propaganda und Gehorsam, sondern nur ein Wechselverhältnis aus Sinngebung und Sinnentzug kann den Raum schaffen, in dem sich das Denken des Zuhörers frei bewegen und damit Verstehen stattfinden kann.
Heiner Goebbels: Prince and the Revolution


1. Autopoietisches Europa

Der Ostblock war, in unserer Vorstellung, immer schwarz-weiß. Reisen in die DDR oder nach Polen bedeutete, daß wir aus dem bunten Westeuropa plötzlich in einen Film aus den vierziger oder fünfziger Jahren gerieten. Wir konnten uns nachher einfach an keine Farben erinnern, nichteinmal an das Grün der Bäume oder das Rot der Backsteine. Wenn wir ins Kino gingen, um Filme von Wajda, Kieslowski oder Tarkowsky anzusehen, verstärkte deren experimenteller Umgang mit Farben diesen Eindruck nur, der Osten war grau und Europa hatte offensichtlich eine ideologisch motivierte Farbwahrnehmungsneurose.

Diese Art europäischen Orientalismus’ wird nun müde. Bald zehn Jahre nach dem gesellschaftlichen Umbruch hören die Länder Osteuropas auf, ‘der Ostblock’ zu sein. Sie treten allmählich aus dem Schatten des sowjetischen Reiches, gewinnen in der internationalen Wahrnehmung wieder ihr jeweils eigenes Gesicht und werden als Teilnehmer am europäischen Patchwork erkennbar.

Während die EU versucht, die Festung Europa doch noch irgendwie zu verteidigen und in den Beitrittsverhandlungen mit den zentraleuropäischen Ländern nocheinmal auf ihre eigenen Unzulänglichkeiten geworfen wird, während die NATO mit ihren Erweiterungsplänen die Front des Kalten Kriegs durch Verschieben zu erhalten versucht, während die Arme Westeuropas sich unablässig für Flüchtlinge und Migranten öffnen und schließen, öffnen und schließen, verzweigen sich die Netze der geschäftlichen Kontakte und der persönlichen Bekanntschaften und rückt das Europa der Europäer langsam und kontinuierlich näher zusammen. Zum gegenseitigen Verständnis tragen hierbei die kleinen Medien, Briefe, Fax, lokale Radios und Internet-Mailinglisten scheinbar weitaus mehr bei als staatliche Prestigeobjekte wie die deutsch-französische Fernsehkooperation ARTE, oder die exklusiven Aktionsprogramme der Europäischen Kommission. Um die europäischen Differenzen zu verstehen und produktiv zu machen braucht es ein Gewimmel an kleinen Sätzen, ein Gewimmel an kleinen Bildern.

Bisweilen freilich treten in den heimischen Pantoffelkinos auch echte Helden auf. So erscheint Mitte der achtziger Jahre ein neuer Popstar am globalen Medienfirmament: Gorby Superstar, ein sowjetischer Zentralsekretär der Sprechen, Laufen und Lachen kann, tatsächlich ein Mensch, obwohl doch Russe. Nach der Senilokratie der Stagnationsperiode seit Mitte der siebziger Jahre reist Gorbatschow ab 1985 durch die Lande, spricht zu seinen eigenen Leuten von Glasnost und Perestroika, signalisiert aufgeschlossene Dialogbereitschaft bei Reagan, verhält sich bürgerlich-charmant gegenüber Thatcher, tritt fast reuig vor den Papst, unterhält sich vertrauenserweckend mit Kohl - und das alles vor laufenden Fernsehkameras. Endlich einer, der den westlichen Werbeagenten, die schlechte Politik wie Cola und Eiskrem verkaufen müssen, das Wasser reichen kann, und der die moderne Propagandamaschine besser zu spielen weiß als NATO und KPdSU zusammen.

Kein Wunder, daß Gorbatschow für andere Länder des Warschauer Pakts, wie z. B. die DDR, zu einem ideologischen Unsicherheitsfaktor und damit zur innenpolitischen Gefahr wird. Als im Juni 1987 drei britische Rockgruppen am Brandenburger Tor ein Konzert veranstalten, drehen sie auch Lautsprecherboxen nach Osten, wo sich tausende junger Leute versammeln, um das Konzert mitverfolgen. Als es zur Konfrontation mit den Sicherheitsorganen der DDR kommt, rufen sie nicht nur “Die Mauer muß weg”, sondern auch “Gorbatschow, Gorbatschow”, den sie in dieser Sache auf ihrer Seite vermuten. Zwei Jahre später, bei der Vierzig-Jahresfeier der DDR, sprach Gorbatschow den Herren vom Ostberliner Staatsrat selber diese Empfehlung aus. Die kamen jedoch zu spät und wurden flugs vom Leben, von den demonstrierenden Massen und dem fernsehenden Volk mit Auftrittsverbot bestraft.

Die vom Gorbatschow-Fanclub ausgelösten Veränderungen fallen in eine Zeit, in der Dinge sich besonders dann zu ereignen scheinen, wenn eine Kamera anwesend ist. Wie der Fall der Berliner Mauer haben sich zum Beispiel auch der zweite Golfkrieg, der Putsch in Rußland oder die Fernsehrevolution in Rumänien vor allem als Medienereignisse eingeschrieben. Politik reagiert, national wie international, zunehmend nur noch auf Medienereignisse, nur noch das, was medial und damit öffentlich wahrgenommen wird, zwingt zum Handeln. Angeblich hatten Präsident Clintons Berater 1992 beschlossen, daß der Krieg in Jugoslawien keine amerikanischen Belange betraf, und hatten deshalb Informationen hierüber vom Präsidenten ferngehalten. Dies änderte sich, nachdem Clinton durch Zufall in einem Tokyoer Hotel Fernsehberichte über die Belagerung von Sarajevo sah und eine amerikanische Einmischung forderte.

Daß die Medien, und augenblicklich vor allem das Fernsehen, einen solchen Einfluß ausüben, ist natürlich nicht neu. Schon im Ersten Weltkrieg wurden Schlachten geschlagen oder abgebrochen wegen der öffentlichen Meinung an der Heimatfront. Und daß mediale Darstellungen die Wirklichkeit nicht einfach widerspiegeln sondern konstruieren, wußten auch Photographen des 19.Jahrhunderts und griechische Philosophen. Deshalb ist es auch nicht ganz nachzuvollziehen, wie es in den achtziger Jahren zu der bekannten Pariser Wirklichkeitskrise kommen konnte (Baudrillard, Virilio). Glückliche Konsequenz des propagandistischen Parteiauftrags war es, daß die Medien östlich des Eisernen Vorhangs von niemandem als Orte der Wahrheitsproduktion angesehen wurden, eine Illusion, der man im pseudo-Westen hartnäckig anhängt. Mediale Techniken wie Flüstern, Weghören oder zwischen den Zeilen lesen sind Ausdruck jener nützlichen mitteleuropäischen Tugenden - Zögern, Skepsis und Ironie.

Den Kalten Krieg hindurch erzählten die öffentlichen Propagandamaschinen in Ost und West ihre großen Erzählungen, vom verbrecherischen Ausbeutungssystem und vom Reich des Bösen. Dabei wurden die Ost-Seher und -Leser besser auf das vorbereitet, was folgte und nun nicht nur den pseudo-Osten betrifft, nämlich leben lernen zu müssen, wie die Agentur Bilwet es nennt, in der Gesellschaft des Debakels. Der kreative Umgang mit dem Unmöglichen, das Vermeiden des scheinbar Notwendigen, sich nicht negativ zu identifizieren mit erzwungenem Versagen, Motto: Dummstellen schafft Freizeit, das sind die Überlebensstrategien der postindustriellen Gesellschaft. Die kleinen Erzählungen dieser Tradition werden gemeinhin von den kleinen, unabhängigen Propagandamaschinen erzählt, von Flugblattverteilern und Plakatklebern, von lokalen Piratenradios, Studentenzeitschriften und den Netzwerken, in denen verbotene Bücher und Schallplatten zirkulieren. Das ist nicht so sehr eine romantische Rückschau, sondern ein Blick in die Werkzeugkiste des Medienalltags.


2. Osteuropa sieht fern

Eine der ersten Lektionen, die uns noch im Aufgehen des Eisernen Vorhangs erteilt wurden, ist, daß der Osten nicht einer und der Ostblock kein Block im Sinne eines homogenen, festgefügten Ganzen ist. Unterschiedliche Mentalitäten und unterschiedliche Sozialismen wurden da unter großen und kleinen roten Fahnen zusammengefaßt, die dem Großen Bruder mehr galten als den übrigen Geschwistern. Distanz, oft auch tiefsitzende Skepsis, trennte die Länder des Warschauer Pakts. Der ungarische Schriftsteller György Dalos beschreibt 1985 einige der Gründe für die Unterschiede zwischen den kleinen mittel- und osteuropäischen Nationen: “Unterschiedlich ist ihr religiöser Hintergrund: katholische, evangelische, russisch-orthodoxe und islamische Traditionen leben nebeneinander, und die historischen Erfahrungen sind nicht weniger divergent. Es gibt Länder, wo sich im 19.Jahrhundert mächtige Revolutionen abgespielt haben (Ungarn, Polen), es gibt solche, wo keine stattgefunden haben (Rumänien, Tschechoslowakei). Einige Staaten der Region sind Vielvölkerstaaten (Rumänien, CSSR), in anderen sind die nationalen Minderheiten unbedeutend. Politisch differenziert sich das Bild auch danach, ob die einzelnen Länder am Zweiten Weltkrieg als Verbündete von Nazideutschland oder als Mitglieder der antifaschistischen Koalition teilgenommen haben. Zu diesen vergangenen oder auf die Vergangenheit zurückführenden Unterschieden kommen noch diejenigen, die aus der heutigen Lage der einzelnen Länder resultieren. Es sind solche der Größe, der ökonomischen Stärke, des Konsumniveaus, der Rolle der Öffentlichkeit, der Bewegungsfreiheit der Öffentlichkeit usw.” (Kursbuch 81, S.4)

Diese historischen und kulturellen Unterschiede werden seit Beginn der neunziger Jahre zu einem wichtigen Instrument im Wettlauf nach Westen. Slavoj Zizek, Lacan-Schüler und Psychoanalytiker, auf dessen Sofa in Ljubljana das Neue Europa liegt, sagt über die wiederbelebten, strategischen Differenzierungen: "Was in der Tat auf dem Spiel steht in der gegenwärtigen Krise der postsozialistischen Staaten, ist genau der Kampf um den eigenen Platz, nun, da sich die Illusion des 'dritten Weges' verflüchtigt hat: wer wird 'herein' gelassen, integriert in die entwickelte kapitalistische Ordnung, und wer wird von ihr ausgeschlossen bleiben? Ex-Jugoslawien ist vielleicht der exemplarische Fall hierfür: jeder Akteur im blutigen Spiel seines Zusammenbruchs gibt sich Mühe, seinen Platz 'drinnen' zu legitimieren, indem er sich als die letzte Bastion der europäischen Zivilisation (die gegenwärtige Bezeichnung für das kapitalistische 'Drinnen') angesichts der orientalischen Barbarei präsentiert.”

Und dann beschreibt Zizek ein Spiel, das auch in Ostdeutschland, Polen, Ungarn, Slowakien, usw. usf., gespielt wird - die postmoderne Variante von Bäumchen-wechsle-dich: “Für die rechten Nationalisten Österreichs (sind) diese imaginäre Grenze (die) Karawanke(n), die Bergkette zwischen Österreich und Slowenien: dahinter beginnt die Herrschaft der slawischen Horden. Für die nationalistischen Slowenen ist diese Grenze der Fluß Kolpa, der Slowenien von Kroatien trennt: wir sind Mitteleuropa, während Kroaten schon Balkan sind, verwickelt in die irrationalen ethnischen Fehden, die uns eigentlich nicht betreffen - wir sind auf ihrer Seite, wir sympathisieren mit ihnen, jedoch so, wie man mit dem Dritte-Welt-Opfer einer Aggression sympathisiert... Für Kroaten ist diese entscheidende Grenze natürlich die zwischen ihnen und den Serben, d.h. zwischen der westlichen katholischen Zivilisation und dem östlichen orthodoxen Kollektivgeist, der die Werte des westlichen Individualismus nicht erfassen kann. Die Serben schließlich halten sich für die letzte Verteidigungslinie des christlichen Europas gegen die fundamentalistische Gefahr, die die moslemischen Albaner und Bosnier verkörpern. (Es sollte nun klar sein, wer innerhalb des Gebietes Ex-Jugoslawiens sich tatsächlich auf zivilisiert-'europäische' Weise verhält: diejenigen auf der untersten Sprosse dieser Leiter, die von allem Ausgeschlossenen - Albaner und moslemische Bosnier.)" (Slavoj Zizek, Das Unbehagen in der Liberal-Demokratie, in: Heaven Sent, Nr. 5, 1992, S. 47-48)

Nur in Rußland wird das Spiel andersherum gespielt. Einige unserer Freunde aus St. Petersburg, allesamt KünstlerInnen und Intellektuelle, bestehen darauf, daß Rußland nicht zu Europa, sondern zu Asien gehört. Sie sind in Sibirien, in Kasachstan oder im Ural geboren und aufgewachsen, verweisen auf ihr teilweise tartarische Blut und sprechen von Petersburg als einer russischen Simulation dessen, was europäisch ist. So reicht Europa von England, das von Europa als einem fremden Kontinent spricht, bis nach Rußland, dem vielleicht letzten großen Imperium des 19. Jahrhunderts, wo die Leugnung Europas den Anspruch auf die asiatischen Kolonien rechtfertigen muß.

Neben diesen Abgrenzungsversuchen und Bemühungen, westlich des Ostens zu sein, hat es allerdings vonseiten europäischer Intellektueller immer auch Verständigungsversuche über die künstlich aufgerichteten Grenzlinien hinweg gegeben. In kritischen Zeiten, ob 1956 (Ungarnaufstand), 1968 (Prager Frühling), 1977 (Charta 77, Prag), 1979-81 (Solidarnosc-Bewegung in Polen), oder im Zusammenhang mit der Inhaftierung oder Ausweisung von Dissidenten wie Biermann, Solschenitsyn, Havel oder Sacharow, fanden breite internationale Solidarisierungsbewegungen statt, die auf die Grenzenlosigkeit der Menschenrechte bestanden, und die auf das Vorhandensein einer Vielzahl inoffizieller Kommunikationskanäle hinwiesen. Ein wichtiger Moment in der Vorgeschichte von 1989 war auch die Wiederbelebung des Mitteleuropa-Gedankens durch Philosophen und Schriftsteller Anfang der achtziger Jahre. Die Debatte war sowohl als Abgrenzung von der Hegemonie der Sowjetunion gemeint, als auch als Erinnerung an eine Zeit, in der Europas Mitte nicht geteilt war. Über die den Mitteleuropäern eigene Skepsis schreibt Vaclav Havel 1985: “ein wenig geheimnisvoll, ein wenig nostalgisch, häufig tragisch, und manchmal gar heroisch, hin und wieder gar ein wenig unverständlich in ihrer genügsamen Schwerfälligkeit, zärtlichen Grausamkeit und in ihrer Fähigkeit, die Provinzialität der äußeren Erscheinung mit weltgeschichtlicher Voraussicht zu kombinieren.” (Kursbuch 81, S.40) Derartige Verkreuzungen und Überlagerungen im Verständnis dessen, was ‘Europa’ sei, sorgten dafür, daß die Debatte über die vielen Zentren des Kontinents - Brüssel, Krakau, Berlin, Sarajevo, ... - sich so schnell von der Hyperbel Washington-Moskau entfernen konnte.

Eine Vielfalt an unterschiedlichen Karten gab es auch auf dem Gebiet der Medien, und eine Durchlässigkeit und Semitransparenz der Grenzen nicht nur zum Westen, sondern auch innerhalb des Ostens. So konnten 80% der Ostdeutschen mit ihren normalen Hausantennen Westfernsehen empfangen, und nur im Tal der Ahnungslosen, der südöstlichen Region um Dresden, war man vor den propagandistischen Westsendern sicher. Dort aber gab’s polnisches und tschechisches Fernsehen, je nach geographischer Lage, und somit ein differenziertes Bild der verschiedenen televisuellen Staatsräsons in den Bruderländern. Im Westen Rumäniens konnte man, wie der Rumänien-deutsche Schriftsteller Richard Wagner berichtet, neben dem rumänischen auch das jugoslawische und das bulgarische Programm empfangen. In einer seiner Erzählungen schreibt Wagner: “Gleich beginnt das Spiel, sagt er. Die Serben zeigen das Derby im Fernsehen. Und heute abend soll ein Film sein. Mit der mit den großen Titten. Bei denen sieht man ja noch was. Die schneiden nicht gleich die Szenen raus, wie die unseren.” (Kursbuch 81, S.128)

Neben den nationalen Fernsehstationen und den offiziellen Zeitungen, die, wie Karl Schlögel bemerkt, überall gleich dünn, mit den gleichen schlechten Photos und den gleichen chemisch gereinigten Artikeln erschienen, spielten wegen ihrer viel größeren Reichweite die internationalen westlichen Radiostationen wie der BBC World Service oder die Deutsche Welle eine äusserst wichtige Rolle im Verbreiten von Nachrichten und Diskussionen, die von den osteuropäischen Staatsmedien nicht gemeldet wurden. Herausragend war die Bedeutung des US-amerikanischen Radio Free Europe, das von München aus als Dissidentenfunk und Sprachrohr der amerikanischen Position im Kalten Krieg den ganzen mittel- und osteuropäischen Raum erreichte.

Außerdem gab es natürlich auf lokaler Ebene eine Unmenge kleiner, inoffizieller Medien, Nischenmedien, die oft kurzlebig waren und doch einen Informationsaustausch und eine Kommunikation in Gang zu halten wußten, die es nach offizieller Darstellung nicht geben konnte. Schallplatten und Audiocassetten waren hierfür ebenso bedeutsam wie mündlich weitergegebene Witze - Radio Eriwan! -, abgezeichnete Landkarten und endlos herumgereichte Buchexemplare. In Ländern, in denen es Fotokopierer für den privaten Bedarf in keinem Fall geben durfte, erfand man zur Verbreitung von Ideen eine Vielzahl von illegalen Publikationsstrategien, die meist unter dem Begriff Samisdat zusammengefaßt werden. Ein verwandtes Prinzip ist ramka, das ursprünglich polnisch war, dann aber auch in Ungarn und anderswo Verbreitung fand. Miklos Haraszti schreibt: “Die ramka im Osten entspricht dem Kopiergerät im Westen. Das Rezept für die ramka heißt: Sowjetmacht minus Elektrifizierung. Übrigens, diese Kreuzung von Siebdruck- und Abzugsgerät kann man in zwei Stunden Heimarbeit basteln - sie bringt es auf mehrere Tausend Abzüge. Es gibt Zeiten, wo die Polizei wie ein sorgsamer Gärtner den üppig wuchernden Samisdat bis auf die Wurzeln abmäht. Doch die ramka ist unausrottbar. Ramka ist virtuelle Pressefreiheit; der mit Druckerschwärze beschmierte Finger des professionellen Menschenrechtlers zeigt in die freie, elektronische Zukunft.” (Kursbuch 81, S.31) In Zeiten elektronischer Vernetzung sollten wir nicht vergessen, daß eine Handpresse eine praktische Würde haben kann, die das kontrollanfällige Internet wohl niemals erreichen wird.


3. Lösliche Geschichte

Die mittel- und osteuropäischen ‘Revolutionen’ der achtziger Jahre haben in jedem Land ein jeweils eigenes Gesicht und einen eigenen Ablauf gehabt: vom polnischen ‘interruptus’, über die abgetriebene russische Perestroika und den ungarischen Schleichweg zu den kapitalistischen Fleischtöpfen, dem jähen Kollaps des ostdeutschen Regimes, bis hin zu dem brutalen rumänischen Weihnachtsspiel. Im Baltikum waren es Gesänge, in Prag samtene Worte, in Berlin Kerzen und schlechte Schuhe, die das neue Zeitalter einläuteten.

Obwohl im Nachhinein deutlich ist, daß es in der Entwicklung der späten achtziger Jahre eine gewisse Logik gab, von Gorbatschows Perestroika über die politische Liberalisierung in Ungarn und Polen, bis hin zur Besetzung der westdeutschen Botschaften in Prag und Warschau durch DDR-Bürger im Sommer 1989, kamen die Ereignisse im Spätherbst in ihrer Form doch einigermaßen unerwartet. Überall waren die westlichen Medien dabei, oder besser: sie wollten überall dabei sein. Denn die Ereignisse ließen sich nur schwer mit Flugplänen und Hotelbuchungen in den Griff bekommen. Wohin schickt eine amerikanische oder japanische Fernsehanstalt Anfang Dezember 1989 ihr Kamerateam: nach Berlin, um die Öffnung des Brandenburger Tors abzuwarten, nach Prag, wo die Studenten auf den Straßen sind, oder doch lieber ins dunkelgraue Bukarest, wo sich eine transsylvanische Selbstzerfleischung ereignen könnte. Nocheinmal bestrafte das Leben die Zuspätgekommenen. Unmögliche Wahl, und ein Glücksfall für Fernsehzuschauer mit Satellitenschüssel, die sich zappend über die vielfältigen Seiten der Tagesereignisse bewegen konnten, indem sie die Nachrichten aus Berlin, Bonn, Paris, London und Atlanta nebeneinanderlegten.

Was sich dennoch ergab, war ein wochenlanger Teppich von spannenden Medienereignissen, während derer wir den Live-Medien sogar die endlosen Wiederholungen der immergleichen Videobänder vergeben wollten. Hier fand das Leben statt, hier ereignete sich Geschichte vor unseren Augen. Und nicht nur für westliche Fernsehzuschauer, sondern auch für die Menschen in den Ländern selber hatte vor allem das Fernsehmedium eine wichtige katalytische Funktion. Wochenlang sahen sich die Leipziger in den westdeutschen Spätnachrichten auf ihren Montagsmärschen und gingen in der Folgewoche noch zahlreicher hin. Immerhin haben sie sich am Ende so ihre warholschen ‘15 minutes of fame’ ergattert. Über die Rolle des Fernsehens in der rumänischen Revolution sagte die Kunstkritikerin Magda Carneci auf dem Symposium ‘The Media are with us!’, das schon im April 1990 in Budapest abgehalten wurde: “Das Fernsehen war nicht nur ein riesiges, unermüdliches Auge, das kontinuierlich die absolut unvermeidlichen Bilder ausstrahlte, sondern es fungierte auch als eine Art kollektives Gehirn: es empfing, selektierte und verbreitete Nachrichten in der gesamten Nation, die unentbehrlich waren zur Koordination und Aufrechterhaltung des Kampfgeistes, und erzeugte einen Bewußtseinszustand, der kohärent auf Kampf, Wachsamkeit und Sieg ausgerichtet war. Das Fernsehen machte das ganze Volk zu einer Art hochsensiblem Netzwerk, innerhalb dessen jedes Individuum sich körperlich wie geistig am Akt der Revolution beteiligte. (...) In gewisser Weise rechtfertigte das Fernsehen für die meisten Menschen die Revolution.” (p.19-21)

Schon kurze Zeit später freilich gerann die revolutionäre Wirklichkeit und stellte sich angesichts der großen Anzahl konkurrierender authentischer Dokumente Zweifel an den miterlebten Ereignissen selber ein. So bemerkte Carneci kaum vier Monate nach den Dezemberereignissen: “Seit den ersten Tagen der Revolution haben sich die Dinge rapide geändert. Was man jetzt über die rumänische Revolution im Fernsehen sieht, wandelt sich, so scheint mir, immer mehr in Fiktion.” (p.22) Ähnliche Verschiebungen fanden in der DDR und in der Tschechoslowakei statt, wo konkurrierende Versionen der Geschichte kursierten und den kleinbürgerlichen Revolutionären der Straße ihren Sieg streitig machten. Innerhalb weniger Wochen erwies sich, nicht zuletzt durch die unablässige Suche der Journalisten nach neuen ‘Fakten’, die unentwirrbare und widersprüchliche Komplexität dessen, was zuerst, am Bildschirm wie auch vor Ort, als authentisch erfahren wurde. Realität und Fiktion wurden einander angenähert und ineinander überblendet. Das vermeintliche Erlebnis von instant history erwies sich als so authentisch wie eine Tasse löslichen Kaffees: if you believe in me, I exist.

Für den Westen ergab sich die zusätzliche Schwierigkeit, daß aus dem medial Vermittelten Handlungsanweisungen destilliert werden mußten. Während die Bösen und die Guten 1989 noch deutlich verteilt schienen und somit vor allem optimistische, futurologische Weitsicht gefragt war, war die westliche Wahrnehmung des Kriegs in Jugoslawien schon wesentlich unsicherer. Aber wie läßt sich auch eine politisch und historisch komplexe Geschichte in dreieinhalb Minuten packen. Westliche Intellektuelle wie Peter Handke, Alain Finkielkraut und Susan Sontag gingen in Belgrad, Zagreb und Sarajevo auf die Suche nach der ‘Authentizität der Erfahrung’ und der ‘Wirklichkeit des Lebens’, eine Suche, die 1914 deutsche und französische Künstler und Intellektuelle in sich gegenüberliegende Schützengräben brachte. Und während Historiker und Militärstrategen sich um die Gleichungen von Verstehen und Intervention zankten, erzeugten die Medien eine perzeptive Schieflage, die zum Handeln hätte zwingen müssen. Sie erreichten allerdings das Gegenteil, und die Berichterstattung über den Balkankrieg führte zur Lähmung statt zum Interventionswillen westlicher Beobachter. Der Medientriumph von 1989, als die Medien Geschichte machen konnten, fand sein Verdun in Dubrovnik, Srebrenica, Gorazde und Sarajevo, wo sie Geschichte nicht verhindern konnten.


4. 'Open Society' und 'New World Order'

Das 'Ende der Geschichte' (Fukuyama), das 1989 schon in greifbarer Nähe erschien, wurde durch die plötzliche 'Wiederkehr der Geschichte' ad absurdum geführt. Und doch: der kurze Augenblick zwischen dem vermeintlichen Nullpunkt der Geschichte und dem unerwartenen 'Eintritt in die Gegenwart' (Schlögel S.9) gab für einen Moment den Blick auf ein in seiner Klarheit erstaunliches Schauspiel frei. Im Herbst sitzt der australische Kulturwissenschaftler McKenzie Wark vor seinem Fernseher und verfolgt die Ereignisse in Europa, die sich für ihn einbinden in das kontinuierliche globale Medienspektakel, das aus Bildern und verkürzten Erzählungen die Illusionen von Identität und Geschichte entwirft: "One thinks of Europe in 1989 as the opening night at the theater where the curtain goes up and the audience comes face to face - with another audience. One has to be outside the theater altogether to see the whole thing together as one big spectacular show." (p.60) Das westliche Publikum hat die Revolutionen von 1989 mit Enthusiasmus verfolgt, wobei jedoch das Objekt seines faszinierten Blicks nicht die bloße Neuentdeckung der Demokratie als solche war: Der Westen kennt nur allzu gut die Mängel und Sackgassen der real exisitierenden liberalen Demokratie, um sich noch von ihr faszinieren zu lassen. Was die westlichen 'Zuschauer' faszinierte, war vielmehr, wie Zizeks slowenischer Kollege Rado Riha schreibt, "eine unterstellte vorbehaltslose Faszinierung der osteuropäischen Akteure mit der westlichen Demokratie, ihr naiver, sozusagen blinder Glauben an sie. Der Westen hat somit im Osten sich selbst, die Bestätigung seiner eigenen Wahrheit gesehen. (...) In der unterstellten Faszination des Ostlers von der Demokratie konnte er sich selbst in seiner 'reinen', von empirischen Desillusionen und Fehlschritten noch nicht verunstalteten demokratischen Gestalt sehen, sich sozusagen am unbefleckten Ursprung seines demokratischen Seins fassen." (Rado Riha, Reale Geschehnisse der Freiheit. Zur Kritik der Urteilskraft in Lacanscher Absicht, WO ES WAR 3, Wien: Turia & Kant, 1993, S. 14-15).

Bestärkt durch eben jenen vermuteten naiven Blick des Ostens auf das Faszinosum West begannen Akteure unterschiedlichster Couleur (Sekten, Banken, Parteien, Kultur, private Einrichtungen und Non-Governmental Organisations NGOs) einen Wettlauf darum, wer als erster den Osten beglücken und sich an ihm gesundstoßen darf. Die von George Bush Ende der achtziger Jahre beschworene 'Neue Weltordnung' fand ihren ersten Ausdruck in der Besetzung des Ostens durch ideologische Pioniere. Allein in Kroatien zeugen heute 790 Vertretungen internationaler oder regional-partikularer NGOs vom unglaublichen Boom des nicht-staatlichen Sektors. Gegenwärtig wird das in vielen post-sozialistischen Länder Osteuropas durch staatlichen Rückzug entstandene Vakuum zunehmend durch die sich öffentlicher Kontrolle entziehenden und nicht regulierten Aktivitäten von NGOs übernommen.

NGOs sind auf breiter gesellschaftlicher Ebene tätig und gelten allgemein als 'Stimme der Zivilgesellschaft'. Sie setzen sich für die Einhaltung der Menschenrechte (z.B. amnesty international) oder den Umweltschutz (Greenpeace) ein oder leisten humanitäre Hilfe (z.B. Internationales Rotes Kreuz). Finanziert werden NGOs durch Unternehmen, Stiftungen, Privatleute, regionale oder globale Körperschaften (z.B. EG oder UNHCR) oder Regierungen (z.B. USAID).

Eine der wichtigsten und einflußreichsten NGOs in Osteuropa ist heute die 'Soros Foundation for an Open Society'. Neben ihrem Engagement in den Bereichen Bildung, humanitäre Hilfe, Menschenrechte, Kunst und Kultur (letzteres durch die Soros Centers for Contemporary Art SCCA), sowie der Förderung sozialer, rechtlicher und wirtschaftlicher Reformen, engagiert sich diese Stiftung besonders für den Aufbau und die Unterstützung unabhängiger Medien (z.B. Radio Zid/Sarajevo, Arkzin/Zagreb, Radio B-92/Belgrad, die Tageszeitung Koha Jone/Albanien, sowie Internet und e-mail Kommunikation). Mit der Finanzierung regierungsunabhängiger Medien, Organisationen und Projekte soll die Entwicklung eines neuen politischen Bewußtseins gefördert und so ein Grundstein für Entwicklung der Zivilgesellschaft bzw. einer 'offenen Gesellschaft' gelegt werden. Mit der Unterstützung der jungen osteuropäischen Demokratiebewegungen hat sich die Soros Stiftung bei den jeweiligen Regierungen durchaus nicht immer beliebt gemacht.

Die von dem amerikanisch-ungarischen Multimilliardär und Philanthropen George Soros ins Leben gerufene 'Soros Foundation' läßt sich von Karl Poppers Konzept der 'offenen Gesellschaft' leiten. Popper wandte sich in seinem Buch "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" (1944) gegen den Historismus, d.h. gegen die Auffassung, es sei möglich, die grundlegenden Gesetze der historischen Entwicklung zu erkennen und auf dieser Grundlage Aussagen über zukünftige Entwicklungen zu machen: sei es, daß der offenbarte Wille Gottes, der Sieg einer auserwählten Rasse, Gesetze der Dialektik und/oder zwangsläufige sozial-ökonomische Prozesse den Fort- und Ausgang der Geschichte bestimmen sollen. Jeder Versuch, ein totales Konzept der menschlichen Gesellschaft zu entwerfen und zu verwirklichen, so Popper, muß scheitern und zum Verlust der Freiheit - zur geschlossenen Gesellschaft - führen: "Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, produziert stets die Hölle."

Das seit Ende der 80er Jahre entstehende 'Soros Foundation' Netzwerk besteht inzwischen aus ca. 30 autonomen nationalen Stiftungen in fast allen post-sozialistischen Ländern Mittel- und Südosteuropas, der ehemaligen Sowjetunion und Zentralasien. Die beiden Open Society Institutes (OSI) in New York und Budapest stellen die für die Arbeit der nationalen Stiftungen nötigen administrativen, finanziellen und technischen Mittel zur Verfügung (1995 insgesamt $350 Millionen US Dollar). Auch die Central European University (CEU; erst in Warschau, Budapest und Prag, heute nur noch in Warschau und Budapest) und das - inzwischen aufgelöste - Open Media Research Institute (OMRI; hervorgegangen aus dem Münchner Radio Free Europe/Radio Liberty Research Institute) gehören zu diesem Imperium der Wohltätigkeit.

Aufgrund unzureichender oder völlig fehlender anderweitiger - staatlicher oder privater - Unterstützung sind die Stiftungen von George Soros in Osteuropa vielerorts zum einzigen Geldgeber für unabhängige Projekte geworden. Hier fließen beträchtliche Summen, die jedoch weder einer demokratischen Kontrolle unterliegen, noch in irgendeiner Form öffentlich reguliert werden. Soros' 'Offene Gesellschaft' impliziert parallele, regierungsähnliche Strukturen, bevölkert von neuen Bürokraten. Die daraus resultierenden Probleme für die Souveränität eines Landes sowie die möglichen wirtschaftlichen Interessen liegen für John Horvath auf der Hand: "The most likely use of the ISF International Soros Foundation, however, would seem to be as a means for shrewd market penetration in an economically prostrate region. By concentrating on the media and telecommunications infrastructure development, to what extent is the ISF building a Soros-controlled telecommunications empire that spans from the Pacific to Central Europe?" (John Horvath, The Soros Network, Nettime mailing list, Feb. 7, 1997 and Telepolis Journal <http://www.heise.de/tp>, Jan. 31, 1997)

Über die 'wahre' Motivation Soros' zirkulieren zahlreiche Meinungen, und Verschwörungstheoretikern ist er ein gefundenes Fressen. Seine Strategien schwanken zwischen selbstloser Philanthropie, westlich-kapitalistischem Utilitarismus und alternativen Staats- und Gesellschaftskonzepten, eine Herangehensweise, die man im Vergleich zum 'Mutter-Theresa-Syndrom' anderer NGOs wohl eher als 'Bruder-George-Strategie' wird bezeichnen müssen. Die selbstlosere, vielleicht protestantischere Variante wird zum Beispiel von der niederländischen Organisation Press Now vertreten, die von Amsterdam aus seit Jahren den Erhalt und weiteren Aufbau unabhängiger Medien im jetzt ehemaligen Jugoslawien unterstützt. Kleine Radiostationen in der Provinz, oppositionelle Wochenzeitschriften und individuelle Journalisten werden oft unbürokratisch unterstützt - unumgänglich in einer Situation der unablässigen politisch-tektonischen Verschiebungen.

Freilich gerät auch Press Now gelegentlich in moralische Dilemmas, oder in politische Bedrängnis, denn wie bemißt sich die politische Unabhängigkeit von Radiosendern wie Radio 101 in Zagreb oder Zid in Sarajevo, und wie läßt sich gewährleisten, daß die Unterstützung, die Press Now im einen Jahr leistet, nicht im nächsten Jahr vor Ort zu ganz anderen Zwecken genutzt wird? Und die nationalen Regierungen in Slowenien, Kroatien oder Serbien haben natürlich ihre eigene Auffassung darüber, daß unbequeme Geister, die sie womöglich als gefährliche Radikale einschätzen, vom Ausland aus am Leben gehalten werden. Doch die Strukturen, aus denen heraus Press Now arbeitet, beruhen auf den Kontakten zwischen individuellen Menschen und kleinen Gruppen, und es sind solche persönlichen Kontakte, die auch die Motivation für viele der Einladungen, Reisen und Projekte, die durch unabhängige, staatlich geförderte Organisationen wie Press Now und seiner Mitarbeiter ermöglicht werden.


5. Alltägliche Medienkunst

Die Grenzen zwischen journalistischer Praxis und künstlerischen Arbeitsweisen sind nicht immer scharf zu ziehen. Seit 1989 befindet sich die osteuropäische Medienlandschaft in Aufruhr: es begann mit einer Art medialer Supernova, die ein explosionsartiges Ansteigen kommerzieller Radio- und Fernsehsender zur Folge hatte. Eine Zeit lang bot sich der Raum der öffentlichen Medien als Spielwiese für Künstler und Medienaktivisten an. Der rumänische Künstler Calin Dan, der heute in den Niederlanden lebt, falls sie ihn lassen, schreibt 1995: "In Romania, the media environment turned from an ideological desert (prior to December 1989) to a complete jungle. Everything began with the printed media revolution, which created from the very beginning a climate of vulgarity, violence, new-age fabulations, and conspiracy theories. The local pulp fictions and the big global truths were blended in a way that flattened the senses and modified attention. The new radio-scape became another example of the media environment as numerous independent radio stations mushroomed immediately after the revolution, and Bucharest became one of the most interesting radio broadcast cities in Europe." (in: Czegledy, 1995, p.30) Von neuen, extravaganten Fernseherfahrungen berichtet auch eine Freundin, die im Mai 1995 in Skopje war: Spätabends kam im ersten Programm des nationalen mazedonischen Fernsehens "Der dritte Mann". Die Bekannte war fasziniert; hatte sie diesen Film dank des deutschen Fernsehens doch noch nie im nicht-synchronisierten, englischsprachigen Original gesehen. Vielleicht sollte man besser sagen gehört - von dem Fernsehbild war nämlich wenig zu sehen. Zunächst gab es französische Untertitel, über die dann - jeweils mit einer geringen Zeitverzögerung - mazedonische Untertitel geblendet wurden. Sie überstrahlten die Hälfte des Bildes. Rechts oben war das Logo eines westeuropäischen Fernsehsenders zu sehen, der diesen Film original ausstrahlte, die linke obere Bildecke wurde vom Logo des mazedonischen nationalen Fernsehens verdeckt. Die Bekannte war verzweifelt. Auf die Frage nach dem tieferen Sinn dieser Übung entgegnete ihr mazedonischer Gastgeber, daß ihr doch sicherlich die großen Satellitenschüsseln auf dem Dach des Nationalen Rundfunkgebäudes aufgefallen wären. Die solle sie sich einfach als eine Art riesigen Staubsauger vorstellen, dessen Funktion auf "supersaugen" eingestellt sei. Die angesaugten Datenmengen würden dann entweder gespeichert oder sofort über das Fernsehen abgegeben.
Enes Zlatar aus Sarajevo, Mitarbeiter des dort erst jüngst eingerichteten Soros Centers for Contemporary Art (SCCA), sagt ähnliches über die Medienszene in Bosnien nach dem Krieg: "Independent production of home videos continues. The national TV experiences programmatic and productional involution. The only TV show made by young, creative and professional authors, within the youth programme, is a monthly show, 'Vatrene Ulice' (Streets on Fire). There is a new phenomenon of emergence of many small, local TV stations which do not have an interest for author production. The programmes of these stations consist mainly of stolen satellite programmes and bootleg films on VHS."

Strategien und Formen der Medienkunst waren und sind in den einzelnen Ländern aufgrund der unterschiedlichen Möglichkeit des freien Zugangs zu neuen Medien (z.B. Videokameras, Computer, Fotokopierer, etc.) sowie der Duldung von 'unabhängigen' Massenmedien und 'abweichender' Meinungen sehr verschieden.
Während z.B. in Jugoslawien - hier vor allem in Slowenien - die sogenannte subkulturelle oder alternative Szene seit Beginn der 80er Jahre mit dem Medium Video arbeitete und das jugoslawische Fernsehen - spätabends, aber immerhin! - experimentelle Videokunst sendete, in Polen und Ungarn sich die Videokunst in den 80er Jahren auf Erfahrungen des experimentellen Films der 70er Jahre stützen konnte, war die Situation in Ländern wie z.B. der Tschechoslowakei, der DDR, Rumänien, oder Bulgarien eine vollkommen andere, denn dort war der Zugang zu technischen Mitteln entweder aus politischen oder aus ökonomischen Gründen verwehrt. Die Petersburger Gruppe 'Piratskoe Televidenie' (Piratenfernsehen, 1988-92) produzierte allen Schwierigkeiten zum Trotz alternative, exzentrische und meistens alogische Fernsehprogramme, die mit Hilfe militärischer Übertragungstechnik in die staatlichen Fernsehkanäle eingespeist werden sollten.
Unterschiedliche Strategien auch auf dem Gebiet der Performance: Während in den 80er Jahren das multimediale Künstlerkollektiv Neue Slowenische Kunst mit der Rockmusikgruppe Laibach in der Vorreiterrolle nicht müde wurde, sich öffentlich und lautstark mit der sozialistischen Ideologie Jugoslawiens 'über zu identifizieren' und das Publikum und den Staat gleichermaßen in Rage zu versetzen, arbeitete die tschechoslowakische Geheimorganisation B.K.S. (Bude Konec Sveta - das Ende der Welt naht) seit Mitte der 70er Jahre im Verborgenen an der Schaffung eigener Gesetze, eigener Strukturen, eigener Rituale und einer eigenen Mythologie, einer eigenen Kunst und eigenen Traditionen; kurz: an einer autonomen Kultur.
Nach den analogen Avantgarden der 80er Jahre wird die Medienkunst in den 90er Jahren digital. In den letzten Jahren sind in vielen post-sozialistischen Staaten Osteuropas neue Medienzentren und -initiativen entstanden. Sie beschäftigen sich mit verschiedenen Formen der Medienkunst und Internetprojekten und nehmen verstärkt an der globalen digitalen Kultur teil. Das E-Lab in Riga, das WWWArt Center in Moskau, C3 (Center for Culture and Communication) in Budapest, die SCCA-Medienlabore im mazedonischen Skopje und im bulgarischen Sofia sind hierfür nur einige Beispiele.


6. Kritische Technologie

Bart Rijs kam in seinem Artikel in der Volkskrant (2.12.1996) zu einer erstaunlichen Einsicht: Nicht nur habe, so Rijs in der gleichnamigen Überschrift, die Revolution in Serbien mit einer Homepage im Internet begonnen, nein: "Even revolutions aren't what they used to be, since there is internet. The times of illegal printing-presses in wet cellars, seditious pamphlets spread by revolutionaries in duffle coats, are over." Fast könnte man meinen, daß der Autor hier den Verlockungen utopischer Technophilie erliegt: Das Internet als Subjekt der Geschichte - die revolutionäre Homepage als das perfekte Beispiel für die befreiende Macht von Computern und Internet. Eine vielleicht etwas voreilige Feststellung, wie John Horvath meint, denn schliesslich werde die Revolution von Serben gemacht, und nicht von der Internet community. Internetzugänge sind in Serbien spärlich gesäht. Nicht, daß die Homepage der protestierenden Studenten nutzlos sei, ganz im Gegenteil: uns vermittele sie eine persönlichere Sichtweise auf die Vorgänge. Medien und Technologien jedoch eine revolutionäre Qualität zu unterstellen führe, so Horvath, zu einem kruden Mißverständnis der Situation: "No doubt John Perry Barlow et al will distort the reality of what is happening and start extolling the revolutionary virtues of the Internet, thereby missing the whole point of what is going on in Belgrade and, to some extent, downgrade the heroism and courage of those who still revert to the 'by-gone methods' of 'illegal printing-presses in wet cellars' and 'seditious pamphlets spread by revolutionaries in duffle coats'." In einem Land, wo die 'neuen' Medien noch keine weite Verbreitung gefunden haben, sollte man die Bedeutung der 'alten' Medien nicht unterschätzen.

Zugleich freilich bieten dieselben, von gewissem Erfolg gekrönten Belgrader Winterproteste von 1996-97 ein hervorragendes Beispiel für die überraschende Macht, die mithilfe des Internets ausgeübt werden kann. Die lokale Radiostation B-92, Soros-unterstützter Herd der kulturellen und politischen Opposition in der serbischen Hauptstadt, hatte seit dem Herbst 1996 regelmäßig englische und serbische Nachrichtenprogramme als Audio-Files auf das Internet gelegt und so einem internationalen Publikum zugänglich gemacht. Als die Proteste im November und Dezember an Kraft gewannen, konnten Journalisten in aller Welt, aber auch die weitverstreute serbische Diaspora, die letzten Neuigkeiten aus erster Hand erfahren. Als die serbische Regierung durch Störsender und schließlich durch Abschalten von B-92 versuchte, diese unabhängige Berichterstattung zu unterbinden, bot der Hersteller der RealAudio-Software dem Sender die Möglichkeit, sein Programm 24 Stunden täglich live über das Netz auszustrahlen. Das Lokalradio, das in Belgrad nur ein paar Häuserblöcke weit zu hören ist, wurde plötzlich zur bekanntesten Radiostation der Welt, deren Signal über einen Server beim Amsterdamer Internetdienst XS4ALL vom Netz zu ziehen war. Die dadurch erzeugte Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit übte zusätzlichen Druck auf das Milosevic-Regime aus und dürfte dazu beigetragen haben, daß nach dreimonatigen Protesten die Ergebnisse der Kommunalwahlen doch noch anerkannt wurden.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle für die internationale Verbreitung kritischer Nachrichten spielen auch die informellen Netzwerke, Newsgroups und Internet-Mailing-Listen, über die oft hunderte von Leuten miteinander in Kontakt stehen und miteinander Neuigkeiten austauschen und diskutieren. Hervorragendes Beispiel hierfür ist die Nettime-Liste, die sich der Netzkritik und zahlreichen angrenzenden Themen widmet, von Zensur und Verschlüsselung bis zur Netzkunst und dem Web TV der Zukunft. Nettime, ins Leben gerufen und moderiert von Pit Schultz in Berlin und Geert Lovink in Amsterdam, ist ein filigraner Kanal, ein intellektuelles Medium und eine internationale Gemeinschaft, vorwiegend europäisch aber mit vielen Mitgliedern auf allen anderen Kontinenten, ein schnelles, taktisches, kleines Medium der besten Art, das nicht zufällig als “die europäische Antwort auf Wired” (Wark) bezeichnet worden ist.

Die Verwendung von Technologie in Kunst- und Medienpraxis verweist somit weder auf eine grundsätzlich kritische noch auf eine - wie die Politisch Korrekten unter uns immer noch nicht müde werden zu behaupten - per se affirmative Haltung gegenüber der Technologie. Interessant wird es dann, wenn man fragt, inwiefern Technologie normativ für kulturelle und soziale Handlungsweisen sind, inwiefern sie sich 'vereinheitlichend' auf diese Handlungsweisen auswirkt. Es geht dabei im weitesten Sinn um die Frage danach, inwieweit Technologie eine individuelle künstlerische Ausdrucksweise zuläßt oder verhindert. Führen der Einsatz von Technologie - und die der translokalen Technologie immanenten vereinheitlichenden bzw. 'normativen' Tendenzen - gar zu einem Schleifen kultureller Differenzen, oder, abgeschwächt: behindert sie spezifische lokale Ausdrucksweisen? Kann Technologie überhaupt 'kulturneutral' sein ? Oder - so fragte man sich anläßlich eines im Dezember 1996 in Prag veranstalteten Symposiums, "does media art imply a kind of thinking which is West-orientated and linear, masculine etc."? Aus Bratislava kam prompt Martin Sperkas mindestens ebenso schwerwiegende Gegenfrage: "feminist thinking is East-oriented and non-linear?"

Die Bedeutung medienkultureller Praxis ist nicht nur technologischer und damit translokaler Natur, sondern entfaltet sich stets in lokalen Kontexten. Ein differenzierender Blick auf lokale Kulturen und die lokalen Kodes ist daher dringend geboten. Verschiedene Künstler aus Osteuropa haben wiederholt auf die Bedeutung des immer schon gebrochenen Verhältnisses zu 'den Medien' hingewiesen. Der albanische Künstler Eduard Muka sagte 1996 in einem Interview: "We inherited a sort of hatred towards the media. There were a lot of lies, nothing was exact, there was only propaganda. Still there is only one state television channel and it is even worse than it used to be. The distrust towards media could be a good starting point for artists to make their critical approach in regards to media. I look at media as the highest degree of manipulation humanity has ever invented. In this sense, this could be really used to raising social or individual imperatives." (Eduard Muka, Interview mit Geert Lovink, "Media Art in Albania, First Steps", Syndicate mailing list, Sept. 29, 1996). Auch Lev Manovich unterstreicht - angeregt durch Alexej Shulgins polemischen Text "Art, Power and Communication" - die Bedeutung der unterschiedlichen Erfahrungen: "The experiences of East and West structure how new media is seen in both places. For the West, interactivity is a perfect vehicle for the ideas of democracy and equality. For the East, it is yet another form of manipulation, in which the artist uses advanced technology to impose his / her totalitarian will on the people." (Lev Manovich, "On Totalitarian Interactivity", Syndicate mailing list, Sept. 1996)

Die Heterogenisierung eines derartigen Denkens in Blöcken könnte die Aufgabe kleiner Medien sein. Die Agentur Bilwet fordert 1995 in der 'Gesellschaft des Debakels': "If, as Kroker maintains, in the new Europe, with its new, invisible, electronic war, everything is about 'the bitter division of the world into virtual flesh and surplus flesh', then it is up to the independet media like Zamir, B-92 and ARKZIN to ridicule this split, and in an ironic, existential manner, to give shape to the universal technological desire, cyberspace."


7. Going East, Going West

Reisen in Europa bleibt auch heute schwierig und wird doch einfacher und normaler. Die Grenzen sind durchlässiger geworden, auch wenn Visaangelegenheiten noch immer viele Begegnungen in Europa verhindern. Langsam schwindet das Gefälle und es beginnt die Wiederentdeckung eines nicht nur historisch begriffenen Kulturraumes in Europa.

Zynisch betrachtet sind Städte wie Sarajevo, Moskau und Tirana seit Jahren die nicht-anerkannten kulturellen Hauptstädte Europas (von welcher europäischen Stadt hat man so viele Bilder gesehen wie von diesen?), in denen das hard-core europäische kulturelle Erbe verhandelt wird, dessen Mittelmaß sich in Kopenhagen, Antwerpen und Prag präsentieren darf. Aber wieso werden Albanien, der 'Balkan', Rußland, Tschetschenien etc. medial so ausgiebig abgedeckt? Doch wohl nicht weil sie schon ein 'normaler' Teil Europas sind, sondern vielmehr weil sich die Medienberichterstattung maximiert, je blutiger es wird, und die Massenmedien (vor allem das Fernsehen) dort live über 'Ausnahmezustände' (wahlweise 'ethnische Säuberungen', staatlicher Kollaps, blutige Aufstände, menschliche Tragödien, Abspaltungsprozesse, diverse Putschversuche) berichten können. Das mediale Bild von Osteuropa ist durch 'Ausnahmezustände' charakterisiert; die Normalität wird jedoch kaum kommuniziert.

Die Bedeutung der 'kleinen Medien' dagegen besteht darin, daß sie - eher als die 'großen Medien' - imstande sind, etwas über die 'Normalität' zu vermitteln und Verständnis und Selbstverständigung zu ermöglichen. Die 'kleinen Erzählungen' als Alternative zu den 'großen Erzählungen'. Das nennen wir die kleine östliche Mediennormalität.

(Berlin/Rotterdam, 1997)

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