Fettnapfkunde

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Erste Einträge zur Fettnapfkunde

Andreas Broeckmann, Sandra Kuttner


Das Vergessen ist ein Fettnapf der Gegenwartskultur.

Definition. Fettnapf (m.), pl. Fettnäpfe. Der Fettnapf ist ein hochenergetischer Behälter unerwünschter Erinnerungen, die durch Hineintreten reaktiviert werden und vor allem beim Fettnapfbesitzer zu plötzlichen, negativ-emotionalen Reaktionen führen. Die Form des Fettnapfes wird individuell bestimmt. Hierin unterscheidet der Fettnapf sich vom (->) Tabu, das gesellschaftlich bestimmt wird. Fettnäpfe sind unsichtbar. Fettnäpfe sind (->) schizoide Vergessensmaschinen. Fettnäpfe sind menschlich.

Fettnapfbiotope und Fettnapfgenese. Fettnäpfe stehen in persönlichen Erinnerungslandschaften. Dort sind sie nicht auf besondere klimatische Bedingungen angewiesen. Fettnäpfe gedeihen überall. Entsprechend dem jeweiligen Ansiedlungsort entfalten sie ihre individuellen Charakteristika (-> Anatomie). So basiert die Evolution der Fettnäpfe auf einem jeweils spezifischen, individuellen und kulturellen Kontext. Als Faustregel für Populationsgrößen kann gelten: je weiter die moralische Kultivierung der Erinnerungslandschaften fortgeschritten ist, desto höher das Fettnapfpotential. Fettnäpfe entstehen in zeitintensiven Kristallisationsprozessen (->Fettkristalle) oder durch, im Extremfall fatal verlaufende, Abwehr- und Umschließungsprozesse im Fettnapfwirt (-> Fettperlen). Morphologie und innere Struktur der Fettnäpfe entwickeln sich in Korrespondenz zu den moralischen Grenzwerten der kulturellen Nährlösung.

Anatomie des Fettnapfes. Der Fettnapf zeichnet sich aus durch eine große Vielfalt an Arten und morphologischen Erscheinungsformen. Die Arten der Fettnäpfe unterscheiden sich bezüglich ihres Bewegungsspielraums, ihrer Ausdehnung, Mobilität, Reaktionsfähigkeit und ihres emotionalen Gewichts. Im Kulturenvergleich lassen sich sowohl analoge als auch homologe Populationsmerkmale bei Fettnäpfen feststellen. Die Charakteristik der Fettnäpfe variiert je nach Klima im Fettnapfbiotop (Kulturdeterminismus), hängt aber auch von individuell-genetischen Faktoren des Fettnapfwirts ab (biologischer Determinismus). Fettnäpfe werden oberflächlich von der Austrocknung und Korrosion des Vergessens befallen, verhalten sich jedoch wegen ihres energetischen, fettigen Inhalts diesem Korrosionsprozeß gegenüber genuin widerständig. Unter günstigen Bedingungen sind sie rasch und vollständig revitalisierbar. Deshalb können Fettnäpfe als auto-generative und auto-mobile Systeme beschrieben werden.

Charakteristika der Fettnapffette. Das ursprünglich schmackhafte, energiereiche, nahrhafte und wohlriechende Fettnapffett wird unter kulturklimatischen Einflüssen häufig im Geschmack verfremdet, verdorben und für den Fettnapfbesitzer ungenießbar. Wie alle Fette stellt auch das Fettnapffett einen Energieüberschuss dar, der vom Körper zum Schutz und als Kraftreserve angelegt wird. Fette weisen unterschiedliche Härtegrade auf und können allgemein als Gleitmittel, Polster, Kälte- und Oberflächenschutz dienen. Trotz dieser positiven Eigenschaften werden sie in unserem Kulturkreis derzeit nicht geschätzt und in vielen Fällen sogar aktiv bekämpft. Fettnapffette sind extrem lange haltbar, können aber auch alt und hart werden und ihr Energiepotential einbüßen.

Zur Soziologie und Psychologie der Fettnäpfe. Das Betreten eines Fettnapfes stellt eine (->) soziale und kommunikative Handlung dar. Man/Frau tritt immer in die Fettnäpfe der anderen. Menschen verfügen in der Regel über ein elementares Grundwissen über die Arten von Fettnäpfen, die innerhalb ihres Kulturkreises am häufigsten auftreten. Fettnapfkontakte sind peinlich. Beim Betreten des Fettnapfes durch den Fettnapfbetreter wird durch den Fettnapfbesitzer eine peinliche Situation mental rekonstruiert und erinnert. Das Betreten des Fettnapfes ist in aller Regel nicht intendiert, sondern geschieht unbedacht oder zufällig. In den sogenannten (->) 'Freudschen Fehlleistungen' manifestiert sich der auto-mobile Charakter von Fettnäpfen. Fettnäpfe beruhen auf (->) moralischen Regeln, die für den Fettnapfbesitzer gelten. Für den Fettnapfbetreter existiert allenfalls das Gebot, möglichst nicht in die Fettnäpfe der anderen zu treten. Obwohl wie erwähnt ein Grundwissen über potentielle Fettnapfareale besteht, läßt sich wegen der Unsichtbarkeit, Mobilität und Artenvielfalt ein Betreten von Fettnäpfen kaum vermeiden. Sigmund Freud bezeichnet den Fettnapf als 'Gefäß des Es'. Der Fettnapf birgt verkappte Lüste. Er enthält unbefriedigtes Verlangen, unerlaubte und versagte Wünsche. Dem Fettnapfbesitzer ist dieses Gefäß eine Büchse der Pandora, in der unkontrollierbare und unheilvolle Erinnerungen lauern. Fettnäpfe stehen in abgeschirmten Arealen der persönlichen Erinnerungslandschaft. Je nach Energiepotential werden sie als schwach-, mittel- bzw. hochgefährlich eingestuft und im (->) Unbewußten des Fettnapfbesitzers zwischengelagert.

Zur Kultivierung und Domestizierug von Fettnäpfen. Gegenwärtig beschäftigt sich die Fettnapfforschung vor allem mit der Frage, was die Vor- und Nachteile des Fettnapfreichtums sind. Die (->) Ökonomie und (->) Ökologie gepflegter Fettnapfkulturen beruht offensichtlich auf einer harmonisierenden Sensibilität für die Fettnäpfe der anderen, die vor allem dann entsteht, wenn man selber FettnapfpflegerIn ist. Hieraus ließe sich schließen, daß eine weite Verbreitung von Fettnäpfen zu einer umfassenden und befriedeten Amnesie führen dürfte. Dieser amnetische Zustand wird begleitet von Symptomen neurotischer Kommunikationslosigkeit.

Fettnapf und Befreiung. Kritische Fettnapftheoretiker weisen darauf hin, daß große Fettnapfpopulationen die Entfaltung destruktiver Energien verursachen können, die sich gegen die individuelle und soziale Vitalität des Wirtsorganismus richten. Im Fettnapf gespeicherte und arrestierte Energie ist dem alltäglichen Energiefluß entzogen und steht dem Fettnapfbesitzer nicht mehr zur Erkundung lustvoller Areale des Alltags zur Verfügung. Er/Sie meidet hochenergetische Situationen, welche sich z.B. aus der Konfrontation mit Neuem entwickeln könnten. Große Fettnapfpopulationen schränken jedoch nicht nur die Bewegungsfreiheit der Fettnapfbesitzer ein, sondern stören tendenziell auch das Feld der allgemeinen Kommunikation und Interaktion und blockieren die multikulturelle Entwicklung. Lipophile Pädagogen und Kulturkritiker wenden dagegen ein, daß das Energiepotential eines Fettnapfes keineswegs nur in amnetischer und destruktiver Weise wirken muß. Da die Form des Fettnapfes individuell bestimmt ist, stehen dem Fettnapfbesitzer durchaus Wege zur Reduktion der Fettnapfpopulationen und zur Befreiung der gebundenen Energien offen. Unverzichtbare Voraussetzug zur Beschreitung dieses Weges is der dringende Wunsch seitens des Fettnapfbesitzers, sich die Energiereserven wieder verfügbar zu machen. Dieser Wunsch stellt die erforderliche Anfangsenergie für den nachfolgenden Prozeß bereit. Den eigentlich revolutionären Moment sehen diese Befreiungstheoretiker gekommen, wenn es dem Fettnapfbesitzer gelingt, eine radikale Umbewertung der eingelagerten Energiepotentiale zu unternehmen. Die bis dahin auch für den Fettnapfbesitzer unsichtbar eingelagerten Energiepotentiale können dann als Wegweiser zu ihrer eigenen Auflösung gelesen werden. Die gebundenen Energiereservoires verflüssigen sich, werden vom Fettnapfbesitzer zunächst als ungefährlich und schließlich als genießbar erkannt. Lipophiler Auffassung zufolge kann also eine Veränderung der Fettstruktur erlangt werden, nach der destruktive Energie mehr und mehr in den Dienst erotischer Energie tritt, bis Quantität in Qualität umschlägt und die menschlichen Beziehungen (untereinander und zur Natur) befriedet und für Glück offen werden.

Der kleine Fettnapfbausatz. Dem Gegenstand unseres Interesses entsprechend sind unorthodoxe Materialien und variable Verfahrensweisen zur Untersuchung und Veranschaulichung des Fettnapfphänomens erforderlich. Der kleine Fettnapfbausatz bietet Näpfe und Napfbaumaterial in unterschiedlichen Ausführungen, Fettsorten in verschiedenen Härtegraden, und Erklärungen zu den jeweils spezifischen Eigenschaften des Sortiments. Im Interesse des friedlichen, von gegenseitigem Wohlwollen bestimmten Miteinanders und der Völkerverständigung können Rituale der Einverleibung und Verflüssigung beobachtet, gemeinsam oder individuell erlebt und mitvollzogen werden.


(zuerst erschienen in: Kat. Vergessen. Wien/St. Veit, 1998)


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