Festival

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Andreas Broeckmann

Über das Festival


1. Für die Medienkunst, so scheint es, ist das Festival die unangefochten herausragende Veranstaltungsform. Die bildende Kunst stellt sich ihrem Publikum vor allem in der Ausstellung, die Theorie in Text und Vortrag, die Musik im Konzert. Wenn aber, wie in der Medienkunst, disziplinäre Grenzen und der Werkcharakter der Kunst überschritten werden, braucht es eine offene, hybride Form wie das Festival, die Vielfalt, Inkonsistenz und Überschuss nicht nur erträgt, sondern zu ihrem Prinzip erhebt. Das Festival, in dem eine Ausstellung mit interaktiven Installationen und Videoprojektionen, eine Konferenz, ein internationaler Wettbewerb, eine öffentliche Medienlounge zum bequemen Betrachten von Internet-, Software- und CD-Rom-Projekten, Künstlerworkshops, Club-Veranstaltungen mit elektronischer Musik und Live-Video-Performances nebeneinander und zum Teil gleichzeitig stattfinden, bietet einen reichen Fundus für die Suche nach dem Unerwarteten, dem Rohen, der überraschenden Verbindung. Das bereits Bekannte ist notwendige Redundanz, das Rauschen, das die Signalübertragung möglich macht.

Es gehört zu den Eigenheiten des Festivals, dass es ein Zuviel an Möglichkeiten und Angeboten liefert, es will niedrigschwellige Präsentationsplattform sein und spezialisierte Medienwerkstatt, will Kunst einfach zeigen und im Kontext auch theoretisch vermitteln, es will Spass machen, Neugierde wecken, will junge Künstler berühmt und das Publikum satt und hungrig zugleich machen. Es schöpft aus einem übergroßen Reservoir künstlerischer Produktionen von sehr unterschiedlicher Qualität, aus dem so ausgewählt werden muss, dass die Spitzen wie die ganze Breite der künstlerischen Praxis sichtbar wird. Die Konzentration auf dieses Hybrid, und nicht auf wenige unangefochtene Positionen, ist Programm. Diese Offenheit bringt das notwendige Risiko mit sich, dem Publikum etwas zu sehen und zu hören zu geben, dessen Qualität vielleicht zweifelhaft ist, vielleicht aber auch einfach noch nicht verstanden werden kann.

Vielfalt und Fülle des Programms zwingen den Besucher zu einer Mischung aus eigenständigem Auswählen und sich treiben Lassen. Programmelemente interferieren miteinander, durchkreuzen sich, blockieren, lenken einander ab und verstärken sich gegenseitig. Da müssen auch Angebote gemacht werden, die es dem weniger Wagemutigen ebenfalls möglich machen, Zugang zu finden, etwas zu erleben und vielleicht einzutauchen. Dafür braucht es ansprechend gestaltete und klar ausgewiesene Kanäle, durch die man in die Vielfalt hineingeschleust wird. Nicht jeden wird man gewinnen, aber jeder soll eingeladen werden.

Das Festival ist keine ausschließende Alternative zu anderen Kulturinstitutionen, und die unnötige Konzentration zahlreicher kultureller Veranstaltungen in einen überbordenden Festivalrahmen ist tatsächlich in vielen Fällen weder der Kunst noch ihrem Genuss besonders zuträglich. Wo Festivals eine nachhaltige künstlerische Arbeit eher schwächen als fördern, und wo sie unter dem Deckmantel der Konzentration doch nur ein homogenes Konzentrat des Üblichen anbieten, da ist in der Tat Zweifel an zu melden. Das Festival bietet jedoch eine Möglichkeit des exzessiven Erlebens von Kultur in einer konzentrierten und lustvollen Manier, die man sich selbst so wenig nehmen lassen sollte wie ein gelegentliches Gelage mit Essen und Trinken in guter Gesellschaft.


2. Medienkunst, das heisst Kunst durch und mit elektronischen und digitalen Medien, ist in ihrer ganzen Bandbreite ein Hybrid aus elektronisch erzeugten Bildern, Klängen, Maschinenprozessen und Interaktionsmöglichkeiten. Lange Zeit hatte, und pflegte, die 'Kunst der neuen Medien' einen Paria-Status gegenüber der bildenden Gegenwartskunst. Deren Wertigkeit bestimmt sich oftmals über die Verwertbarkeit ihrer Produkte am Kunstmarkt, dem sich die Medienkunst ebenso oft sehenden Auges entzieht. In dem Maße aber, wie elektronische und digitale Medien nicht mehr die alleinige Domäne getriebener Bastler sind, sondern als gestalterische Ausdrucksmöglichkeiten wie andere künstlerisch nutzbare Materialien und Methoden allgemein verfügbar werden, in dem Maße wird auch die Unterscheidbarkeit von Medienkunst als eigenem Genre verschwinden. - Freilich bleibt eine lebendige künstlerische Praxis, die sich digitaler Medien nicht nur bedient, sondern diese und ihre kulturelle Bedeutung auch zu verstehen und zu reflektieren sucht, ob als interaktive Kunst, Netzkunst, oder Softwarekunst. Es ist zu erwarten, dass diese avantgardistische Arbeit, die sich tatsächlich neue Technologien (und alte Technologien neu) anzueignen sucht, auf absehbare Zeit, pragmatisch und heuristisch, unter der Bezeichnung Medienkunst firmieren wird.

Ein Medienkunstfestival kann in der Vielseitigkeit dieses Gebietes schwelgen. Es kann den hybriden und Mischformen folgen und sich ab und an von den Sirenen technologischer Neuentwicklungen verführen lassen. Die Videotechnik bot seit ihrer Frühzeit ein Instrumentarium der Bildschöpfung, das an traditionelleren Bildmedien geschulte Künstler bis heute immer wieder neu fasziniert - man denke nur an die nicht enden wollende Serie der Experimente mit Rückkopplungseffekten einer auf den Wiedergabebildschirm gerichteten Videokamera. Aus solchen vor der Hand liegenden Experimenten werden gelegentlich elaborierte Anlagen oder auch Werkgruppen entwickelt, die den Eigenheiten des technischen Mediums und den von ihm ausgelösten Wahrnehmungseffekten auf den Grund gehen, die einer den Maschinen eigenen ästhetischen Wirkmächtigkeit nachspüren, notwendige Geschichten neu und dringend erzählen wollen, oder interaktive Handlungsspielräume zwischen Menschen und Maschinen zu erweitern suchen. - Das alles will gezeigt, erspielt, besprochen sein, ob fertig oder im Entstehen.

So ist das Festival im besten Falle ein Bankett, auf dem eine gut abgestimmte Mischung von Speisen und Getränken gereicht wird. Wem es für den Moment genug ist, der zieht sich mit alten oder neuen Freunden, Köchinnen und Gourmets in die Raucherecke zurück, oder er schlendert ans Buffet, wo es nach eigenem Geschmack auswählen und portionieren kann. In der Ausstellung wird die Besucherin in Ruhe gelassen und kann im eigenen Tempo die Werke entdecken und betrachten, in der offenen Medienwerkstatt aber soll es ihr durchaus passieren, dass sie zum Mitmachen angehalten wird. Der Kinosaal bleibt die Traumhöhle, in der Videokünstler ihre Arbeiten präsentieren und kommentieren, und auf den offenen Bühnen stellen Künstlerinnen, Theoretiker und Kuratoren ihre neuesten Projekte vor, teils um für sie zu werben, teils um scharfe Kritiker zu finden, oder auch zukünftige Mitstreiter. Und im Club ist des nachts die Mischung von Musik, Bildern, Stimmen, Bewegungen und Gesprächen darauf angelegt, dass Grenzen, nicht aber Spuren verwischt werden. Zur Arbeit der Kuratorinnen bei der Auswahl dieses Programms gehört ein gewisser Grad an Rücksichtslosigkeit. Themen und Thesen müssen in einzelnen, radikalen künstlerischen Positionen zugespitzt werden. Das braucht Mut - und ein sprungbereites Publikum.


3. Das Festival lebt davon, dass es zeitlich begrenzt ist und seine Besucher in einer möglichst hohen räumlichen und zeitlichen Konzentration zusammen bringt. Sein Erfolg hängt zu einem großen Teil von der Anwesenheit der Teilnehmer und Besucher ab, die in Veranstaltungspausen im Café, auf Korridoren und in der Lounge zusammensitzen und über alte und neue Pläne, über Erlebtes, Gesehenes, gemeinsame Bekannte und geliebte Feinde sprechen, die neue Projekte aushecken und die Gelegenheit einer großen Dichte an interessanten Leuten ausnutzen. Kunst und gesellschaftliche Funktion sind hier in Symbiose, es konstituiert sich - Öffentlichkeit. Wenn es darüber hinaus gelingt, das Festival und seine Themen in öffentlichen Aktionen und Partnerveranstaltungen ausgreifen zu lassen ins städtische Umfeld, in Massenmedien und globale Netze hinaus zu tragen, dann erleben wir Medienkultur in dem ihr eigenen Kontext, nämlich dem fragmentierten, über die Grenzen der einzelnen Stadt weit hinaus reichenden, translokalen urbanen Raum.

Das Festival bietet Programmformate, die es dem allgemeinen Publikum möglich machen, die gezeigten künstlerischen Arbeiten zu sehen und zu erleben. Ausstellung, Videopräsentation, Performance-Abend und Konferenz folgen mehr oder weniger bekannten Mustern, die dem Interessierten den Schritt in das Festival hinein leicht machen sollen. Mit etwas Glück aber kommt dieser Besucher in der Medienlounge, im Salon oder in der offenen Werkstatt mit denjenigen in Berührung, für die der Umgang mit digitalen Medien und ihre Gestaltungsmittel zur Alltagskultur geworden sind. Das Medienkunstfestival ist damit ein Treffpunkt, der sowohl für Produzentinnen als auch für ein neugieriges Publikum zur Bühne einer intensiven Auseinandersetzung mit den aktuellen Entwicklungen der digitalen Kultur wird. Es gehört zu den kuratorischen Herausforderungen, für diese unplanbaren Begegnungen im Programm und in der Gestaltung der Räume flexible Schnittstellen anzulegen, die in alle Richtungen offen sind.

Für die 'digitale Generation' der Jungen, die schon seit Kindesbeinen mit Computerspielen, Mobiltelefonen und Internet aufwachsen, bietet das Festival eine überbordende Alltagsumgebung, vielfältiger und differenzierter als eine LAN-Party, und mit künstlerischen Inhalten und Fragen so bestückt, dass die Selbstverständlichkeit des längst Gekannten durchbrochen wird. Derjenige, der weiss, dass der Computer mehr ist als eine Konsole zum Abspielen vorgegebener Spiele, kann sich hier zusammen mit anderen weiter eingraben in die Aneignung und Umfunktionierung der medialen Apparate und ihre Anwendungen. Medienkompetenz ist für diese Generation, zumindest da in der Welt, wo Computer verfügbar sind, oft weniger ein Problem, als das Bewusstsein für die individuellen und kollektiven Handlungsspielräume, die diese Apparate bieten. Und diese Spielräume lassen sich am besten anhand der praktischen, exemplarischen Arbeit eingeladener Gruppen vor Ort darstellen. Da werden dann auch die fließenden Übergänge zwischen Spiel, Kunst, Programmierung, Konsum und kritischer Reflexion deutlich.

Digitale Bildmedien, elektronische Musik und mobile Kommunikationsmittel werden zunehmend für eine breite internationale Künstlerszene verfügbar, die sich über die Bedeutung von Kunst im Zeitalter digitaler Medien neu verständigt. Neue Kooperationsformen und global vernetzter Widerstand gegen die Folgen der Globalisierung, die Wahrnehmbarkeit der ökologischen Katastrophe, das Entstehen neuer Stile und Identitäten unter dem Einfluss von Migration und einer weltweit operierenden Kulturindustrie - all dies prägt eine Gesellschaft, die sich in ihren Kulturveranstaltungen Foren schafft, auf denen diese Veränderungen zum Ausdruck kommen und einer kritischen Betrachtung unterzogen werden können. Die optimistischen, auch zynischen Versprechungen der technologischen Entwickler stehen in der Medienkunst bisweilen im Vordergrund, sie werden aber schon längst nicht mehr isoliert betrachtet, sondern eingebettet in ein Verständnis gesellschaftlicher Prozesse, die künstlerisches Handeln selber beeinflussen oder unterlaufen will.

Im Fokus bleibt dabei stets die künstlerische Auseinandersetzung mit den digitalen Medien und die ästhetischen, also auch ethischen Formulierungen einer digitalen Kultur. Hierzu kann sich beim Medienkunstfestival eine Szene von Künstlern, Kuratoren und Kulturproduzenten treffen, lokal, national und international je nach Größe und Einzugsbereich, und über mehrere Tage anhand des vorgestellten Programms und der mitgebrachten Ideen und Erfahrungen einen Stand der Dinge ermitteln. Dies lebt fort, in journalistischen Beschreibungen, Ton- und Bilddokumentationen und retrospektiven Veröffentlichungen, aber auch in Folge- und Konkurrenzveranstaltungen, die gelegte Fäden aufgreifen und weiter- oder umspinnen, und in individuellen, kuratorischen und kulturpolitischen Projekten, die sich aus den Ereignissen des Festivals ergeben. Und wenn im und über das eigentliche Programm hinaus die notwendigen, offenen diskursiven Plattformen vorhanden sind, können sich diese eher professionellen Debatten mit den berechtigten Fragen der Nicht-Profis zu einem tatsächlichen Symposion zur Medienkunst vermischen.


4. Die kulinarischen Metaphern des Festmahls und seines Programms, der Geschmäcker und Zubereitungen, des Würzens und Kombinierens, des Köchelns und des schnellen Anbratens, der Süße, Herbheit und Schärfe, der Geselligkeit und des gemeinsamen Genießens, diese Metaphern sind nicht nur im übertragenen Sinne zu verstehen. Das Festival soll ein Fest sein, an dem Gaumen und Augen, Ohren und Hände gleichermaßen teilhaben sollen. Lange Abende mit Freunden in der Kneipe, unterbrochen von einem Konzert oder einer Filmvorführung, die neuen Gesprächsstoff bieten, das Hinzugewinnen neuer Bekannter, die Entdeckung des Unbekannten und das Wagnis des noch nie Probierten - all das kann das Festival, wenn es gelingt, möglich machen. Als Fest ist es Ort, Moment, Ereignis der Hoffnungen und Projektionen, ein Zwischenraum, in dem das entstehen kann, was im Alltag nicht entsteht. Geheimnis, Überraschung, Karneval - wenn es gut läuft.

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