Ausweitung

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Ausweitung der Öffentlichkeitszone

Andreas Broeckmann


Öffentlichkeit ist zuerst eine Form des offenen Umgangs und des freien Austauschs unter gleich gestellten Bürgern. Männer des achtzehnten Jahrhunderts, die sich in Londoner Clubs über politische Entwicklungen und ihren jüngsten erfolgreichen Handel unterhalten. Sie bewegen sich in einem abgegrenzten Raum gesellschaftlicher Auseinandersetzung, der sich nach Interessenslagen und Weltanschauungen differenziert und in dem ein Teil des persönlichen Wissens in die freie Zirkulation gegeben wird.

Dies selbstverständlich unter der Maßgabe, dass man auch einiges für sich behält. Die Ökonomie des öffentlichen Diskurses lebt von einer feinen Balance zwischen persönlichen Belangen, denen durch das freie Gespräch geholfen wird, und solchen, die das Licht der Öffentlichkeit scheuen. Ein öffentliches Geheimnis ist eines, von dem jeder weiß, dass es existiert, doch nur die geschwätzigen Medien sprechen darüber. Im Feld der Öffentlichkeit muss man ein Geheimnis für sich behalten, und die Geheimnisse der anderen aushalten können.

Die Gespräche in Clubs und auf Märkten finden bald ihren Widerklang in den ersten Zeitungen, die die Öffentlichkeit zu einer Zone der veröffentlichten Meinung machen. Der gesellschaftliche Raum, in dem Wissen, Interessensausgleich und Konflikte zirkulieren, weitet sich aus, bedarf deshalb aber auch zunehmend medialer Vermittlung. So wie zuerst der Clubraum und seine Gesprächskultur Medium der Öffentlichkeit ist, so konstituieren auch die massenhaft verbreiteten Medien der Flugschrift, der Zeitung, später auch des Radios, Film und Fernsehens 'Öffentlichkeit'. Eine Form medialer Vergesellschaftung, die freilich seit dem Bänkelgesang verbunden wird mit Formen der Unterhaltung und des passiven Konsums vorgefertigter, manipulativer Meinungen, und so fließend übergehen kann in Propaganda.

Der Grad, in dem gesellschaftliche und ökonomische Macht einher gehen mit der Kontrolle der Massenmedien, erzeugt immer wieder den Wunsch nach Formen der 'Gegen-Öffentlichkeit'. Nach der Veröffentlichung alternativer Wahrheiten, anderer – oft eigener, unentfremdeter – Geschichten, der Wunsch danach, die öffentliche Aufmerksamkeit um zu lenken auf wichtigere Themen als das, was in den Massenmedien in den Vordergrund gestellt wird.

Die Macht der Gegen-Öffentlichkeit wird bestimmt von den Medien, durch die sie alternative Informationen zugänglich machen und einen alternativen Diskursraum öffnen kann. Dabei geht der Begriff der 'Gegen-Öffentlichkeit' – nicht unproblematisch, und deshalb auch nicht unwidersprochen – davon aus, dass 'Öffentlichkeit' per se massenmedial entfremdet ist, und dass man sich ihr aufklärerisch entgegen stellen müsse. In diesem Sinne hat Guattari die Medien der Gegen-Öffentlichkeit als 'postmedial' bezeichnet; er meint damit vor allem die elektronischen und digitalen Medien – Video, Radio und Internet –, die eine Zirkulation von Inhalten und Meinungen unabhängig von massenmedialen Unterhaltungs- und Verwertungsketten ermöglichen. Und im Nachhinein lassen sich auch frühere Reaktionen auf die dominante veröffentlichte Meinung als postmedial beschreiben – von Flugschriften, über die Londoner Speakers Corner bis zu den Kneipenvorführungen kritischer Videodokumentationen der Medienoperativen. Das freie, sogenannte 'Piratenradio' ignoriert das staatliche Monopol (stets gerechtfertigt 'im Interesse der Öffentlichkeit') auf die Vergabe von Frequenzen und Sendelizenzen und eignet sich den freien Äther neu an. Segeln, hart am Wind.

Die Öffentlichkeit ist also mal ein Kollektiv, in dem Meinungen und Gespräche zirkulieren, mal ist sie der Raum, der von Medien definiert und beschallt wird. Sinnvoll ist es, 'Öffentlichkeit' nicht als gegebenes Objekt, als statische Sache und als Absolutum zu denken, als fixen gesellschaftlichen Raum, sondern als vorübergehenden Zustand, als eine Qualität und adjektivische Eigenschaft, mit der sich der offene und freie Austausch und das nicht-sanktionierte Austragen von Konflikten beschreiben läßt: also, nicht 'Öffentlichkeit', sondern 'in unterschiedlichen Graden öffentlich'.

Der Gegensatz zwischen privat und öffentlich beschreibt damit auch keine räumliche Differenz, sondern ist zuerst eine Frage des Eigentums: öffentlich ist das, was zur allgemeinen Verfügung steht – ob Plätze, Frequenzen, oder Ideen, Medien und ihre Inhalte –, während 'privat' zu allererst das Privateigentum an Sachen und Rechten meint.

Was die Privatisierung öffentlicher Räume, wie zum Beispiel die Verlegung von Geschäften vom Marktplatz in eine Shopping-Mall, problematisch macht, ist dass damit das Potenzial gesellschaftlicher Kommunikation und Auseinandersetzung an Orten, an denen sich viele Menschen treffen, eingeschränkt wird. Öffentlicher Raum ist, im Idealfall, ein potenzieller Konfliktraum, an dem vorhandene Reibungen zwischen Gruppen und Interessensphären ausgetragen werden können. In privaten Einkaufszentren kann und muss dagegen, um das Konsumvergnügen nicht zu stören, jeder rein müßiggängerische Aufenthalt ebenso verboten werden wie unautorisierte Verlautbarungen, auch das Tragen von Fahnen oder sonstiges, nicht dem Konsum dienendes Verhalten. In diesen privaten Konsum- und Handelsräumen kann von 'Öffentlichkeit' keine Rede mehr sein. Firmenkartelle teilen sich definierte und geplante Konsumzonen, die eine Wahl zwischen Wrangler und Pepe Jeans, Coca Cola und Pepsi, zwischen Burger King und McDonalds und vielleicht noch Nordsee Fisch zulassen – also eine Wahl wie an der Urne, zwischen fast identischen, nach Mitte und Machtvertretung strebenden politischen Parteien und ihren Interessensverbandelungen.

Wir erleben derzeit eine immense Ausdehnung der Kontrollzone, in der die umfassende Überwachung und Kontrolle privatisierter und auch offener städtischer Räume durch Wachpersonal und technische Anlagen stattfindet. Die Techniken der entgrenzten Kommunikation und des globalen Handelns sind aufgrund der ihnen zugrunde liegenden kybernetischen Logik immer schon durchzogen von Kontrollmechanismen, die nicht nur die technische Funktion der Fehlerkorrektur haben, sondern die zugleich Überwachungsmechanismen des kommunikativen Handelns beinhalten. Die Protokolle des Internet, verbunden mit dem weltweiten Netz der Mobiltelefonie und den Geodaten des Global Positioning Systems (GPS), erzeugen eine dichte Überwachungsstruktur, die in den letzten Jahren zunehmend für polizeiliche Ermittlungen genutzt wird. Hinter den Erfolgsmeldungen über das Aufdecken von Drogenzirkeln, Mordkomplotten oder anderen Gewalttaten steckt die unausgesprochene Mitteilung, dass technisch vermittelte Kommunikation heute in umfassendem Maße kontrolliert und ihr Inhalt gespeichert wird.

Hinzu kommt, dass Kommunikation selbst zur Ware geworden ist; allerlei Dienstleistungen rund um Mobiltelefonie, SMS, usw., machen das zwischenmenschliche Gespräch ökonomisch interessant und verwertbar. Dagegen muss in denselben Systemen im Namen von Trusted Computing und Digital Rights Management (DRM) die freie Kommunikation und der freie Umgang mit den eigenen digitalen Apparaten eingeschränkt werden, um zu verhindern, dass eventuell mit Urheberrechten belegte Inhalte ausgetauscht werden. Nicht nur dass, sondern auch was kommuniziert wird, unterliegt der Verwertungslogik und muss zumindest geprüft, wenn nicht überhaupt kontrolliert werden. Schließlich ist auch das Wie der Kommunikation von ökonomischem Interesse. Das System des Radio Frequency Identification (RFID)-Tagging, durch das Gegenstände mithilfe kleiner Radio-Chips umfassende Auskunft über ihre Produktion, Vertrieb und Vermarktung geben, macht die gesamte gesellschaftliche Konsum- und Handlungssphäre zu einer dichten Informationssphäre, in der die Daten der Nutzer- und Konsumentenprofile emsig gesammelt und zur weiteren Verwertung verkauft werden.

Selbstverständlich findet wirksame Öffentlichkeit auch heute noch in Clubs und Kneipen, am Rande von Fussballplätzen und in Theaterfoyers statt. Dennoch ist mit der Entstehung des Massenkonsums und dem pseudo-demokratischen Zugang zu den Orten dieser Pseudo-Macht-Aneignung auch die Illusion entstanden, durch medialen Konsum an 'Öffentlichkeit' teilhaben zu können. Die Illusion, dass fern zu sehen ein öffentlicher Akt sei.

Ein Weg zur neuerlichen Erweiterung der Öffentlichkeit ist die radikale Öffnung der Wissensordnung, die von der Bewegung um Open Source und Freie Software angestoßen worden ist. Dahinter stecken sowohl technische Erfahrungen – schnellere und bessere Entwicklungsergebnisse durch frühzeitige Veröffentlichung und weitverzweigte Kooperation –, ökonomische Überlegungen – nämlich dass man auch mit solchen Dienstleistungen Geld verdienen kann, die an kostenlos verbreitete Güter gekoppelt sind –, und schließlich der demokratische Wunsch, dass Wissen frei verfügbar sein sollte, und dass man es weitergeben und verändern können muss, so wie man ein Kochrezept weitergibt und verändert.

Zugleich erzeugt die Kontrollzone neue Sichtbarkeiten, deren eindimensionale Verengungen unterlaufen werden können: so kann der U-Bahnsteig zur Bühne für ein mediales Theater werden, dessen erstes Publikum in den Kontrollräumen der Überwachungsfirmen sitzt; und von den Positionen der Überwachungskameras im Stadtraum werden längst Karten angefertigt, zu denen über das Internet interaktiv beigetragen werden kann und die Pfade abseits der Sichtachsen empfehlen. Der Blick richtet sich auf das mensch-maschinische Auge der Beobachter – der beobachtete Mensch blickt zurück.

Öffentlichkeit ist weder gleich zu setzen mit totaler und allgemeiner Sichtbarkeit, noch ist das Geheimnis ihr Gegenteil. Ein Geheimnis ist der Gegenstand einer symbolischen Machtbehauptung: wer ein Geheimnis hat, kontrolliert eine Zone potenzieller Öffentlichkeit – egal ob in der Form zensierten Wissens, das nicht öffentlich gemacht wird, oder im Schutz eines Mysteriums, das der allgemeinen Sichtbarkeit entzogen bleiben muss, um seine Macht entfalten zu können. Im Gegenzug bedeutete die historische Aufklärung, dass das Geheimnis der Herrschaft und der sozialen Ordnung gelüftet, und die Macht, zumindest hypothetisch, der Transparenz unterworfen wurde.

Der Zustand der Öffentlichkeit bezieht sich in aller Regel auf soziale Teilbereiche, auf geographisch begrenzte Zonen oder auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen. 'Öffentlich' ist nicht das exhibitionistische und totale Verfügbarmachen von Meinungsware, sondern ein filigraner, bisweilen auch berechnender Austausch von Gedanken und Informationen. Die Ausweitung der Öffentlichkeitszone wird bestimmt von einem medial verstärkten, kollaborativen Geist, der sich einer Wissensproduktion und Kommunikationsformen jenseits von Eigentum und Profit verschrieben hat. An diesem Maßstab muss sich auch 'soziale Software' messen lassen, die allzu oft die Suche nach Gemeinschaft und den Austausch mit Gleichgesinnten gewinnbringend zu verwerten sucht.

Öffentlichkeit oszilliert stets zwischen Offenem und Verborgenem. So können auch die Strategien der Camouflage – das Verschlüsseln, Verbergen, Geheimhalten – zu Methoden des Öffentlichen werden. Die technische durchwirkte Lebenswelt erzeugt mit ihren neuen Kontrollmechanismen zahlreiche neue Transparenzen und neue Möglichkeiten dessen, was man postmediale Geheimnisse nennen könnte: Geheimnisse, die sich in den Ritzen und auf den Oberflächen der Mediensphäre verstecken. Datenspuren können verschleiert, Identitäten und Datenkörper vervielfältigt werden; alternative Sprachen und Kommunikationscodes sind ebenso zu entwickeln wie technische und mediale Fiktionen; Humor, Ironie und Zweifel bleiben für Maschinen unlesbar und haben damit ein besonderes kommunikatives Potenzial bei der Infilitration, Aneignung und kreative Umwidmung von Systemen der Kontrollzone.

Man sollte sich freilich über die Wirkungsmacht solcher Gegenstrategien keine Illusionen machen; nur durch aufgeklärtes politisches und technisches Handeln wird dem sozialen Gewaltpotenzial der Verbindung von Mobiltelefonie, RFID und GPS als umfassendes System der Verhaltens- und Konsumkontrolle bei zu kommen sein. Bei diesem Freiheitskampf wird Camouflage, also die Fähigkeit, sich der Registrierung zu entziehen, eine besondere Rolle spielen. Die Techniken sind dabei nicht eindeutig besetzt. Denn eine Software für die effektive Verschlüsselung des privaten Datenverkehrs wie Pretty Good Privacy (PGP) folgt der gleichen formalen Logik wie die Systeme des Trusted Computing und Digital Rights Management, welche nun gerade einen freien Datenaustausch zwischen privaten Personen einschränken und kontrollieren wollen.

Wenn wir der Angst vor Terrorismus, Kriminalität oder Abweichung durch stets detailliertere Überwachungs- und Kontrollszenarien entgegen arbeiten wollen, dann muss uns klar sein, dass wir mit der Angst auch unser eigenes Recht auf Abweichung bannen. Freiheit bedeutet, in einer Welt zu leben, in der wir neben den Meinungen auch die Geheimnisse der anderen auszuhalten vermögen.



Einige Hinweise

Surveillance Camera Players
Institute for Applied Autonomy
Annina Rüst, Tracking the Trackers
LAN, Tracenoizer
Franz Alken, Machines will eat itself
Knowbotic Research, Crack It!
Ubermorgen.com: Google Will Eat Itself
Foebud
Telestreet


BüroBert: Copyshop. Kunstpraxis & politische Öffentlichkeit. Berlin, 1993
Volker Grassmuck: Freie Software - Zwischen Privat- und Gemeineigentum. Bonn, 2002
Félix Guattari: Die drei Ökologien. Wien, 1994
Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Frankfurt am Main, 1962
Thomas Y. Levin u.a.: CTRL SPACE. Rhetorics of Surveillance from Bentham to Big Brother. Karlsruhe, 2002
Henk Oosterling: Radicale Middelmatigheid. Amsterdam, 2000
Sarai Reader 01: The Public Domain. Delhi, 2001
Christiane Schulzki-Haddouti: Datenjagd im Internet. Hamburg, 2001


(Berlin, 8. Juli 2006)

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